Rezepte gegen die Landflucht

17.06.16 | Oberhavel

"Es gibt keinen Grund, zu jammern", sagt Regio-Nord-Geschäftsführer Olaf Bechert. "Unsere Einwohnerzahlen sind stabil. Und das, obwohl die Bevölkerungprognosen für den Altkreis Gransee noch vor fünf und vor zehn Jahren von einem Verlust ausgingen." Zufall sei das nicht. "Wir haben uns einfach gut aufgestellt", sagt Bechert, als er Mittwochabend im Unterausschuss Demografischer Wandel des Kreistages über die Situation im Altkreis Gransee spricht.
Die L 214 zwischen Zehdenick und Fürstenberg: bereitet ihm Sorgen: Olaf Bechert
Die Regio Nord ist die Regionalentwicklungsgesellschaft der Nordkreis-Städte Gransee, Zehdenick und Fürstenberg. Sie koordiniert unter anderem die Wirtschafts- und Tourismusförderung. Mit einer Vielzahl von Projekten versucht sie, die Abwanderung von Jugendlichen zu stoppen und Zuzügler in den Norden Oberhavels zu locken. Um Azubis eine Ausbildung in der Heimat schmackhaft zu machen, stockt die Regio Nord zum Beispiel Lehrlingsentgelte auf bis zu 500 Euro auf. Gewerbegebiete werden im Altkreis inzwischen zentral vermarktet, der Einzelhandel dabei unterstützt, seine Produkte auch online an den Mann zu bringen.

Um Berliner für den Nordkreis zu gewinnen, wurde vor sechs Jahren die Werbekampagne "Ick wohn beim See" mit Radio-Spots, U-Bahn-Werbung und eigenem Internetportal gestartet. Offenbar mit Erfolg. "In einigen Orten wird Bauland schon knapper", sagt der Regio-Nord-Chef.

Selbst ein Rezept zur Bekämpfung des Personalmangels bei den Freiwilligen Feuerwehren scheint gefunden sein. In Granseer und Zehdenicker Grundschulen und Kitas wurden Feuerwehr-Arbeitsgemeinschaften gegründet, die inzwischen von rund 200 Kindern besucht werden. Bechert: "Wenn nur zehn Prozent dauerhaft dabei bleiben, haben wir schon etwas erreicht." Zurzeit könne die Granseer Jugendfeuerwehr gar nicht alle Eintrittswünsche erfüllen.

Olaf Becherts Botschaft im Demografie-Ausschuss: Der Nordkreis hilft sich selbst, so gut er kann - und ist erfolgreich. Aber alles kann er nicht allein richten. Ein Problem ist der miserable Zustand der Landesstraße 214 zwischen Fürstenberg und Zehdenick. Potsdam sieht sich mit Verweis auf den B-96-Ausbau außer Stande, eine weitere Großbaustelle zu eröffnen. Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) soll Bechert und dem CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann jüngst vorgeschlagen haben, die L 214 zur Kreisstraße herabzustufen. Damit wäre der Landkreis Baulastträger und für die Unterhaltung der Straße verantwortlich. Eine Variante, die auch die Regio-Nord favorisiert. "Wir erwarten keinen Landesstraßenstandard, sondern einfach eine funktionierende Verbindung", sagt Olaf Bechert. Das Land würde die Mittel für die Sanierung noch zur Verfügung stellen.

Unterstützung bekommt der Regio-Nord-Geschäftsführer aus dem tiefsten Süden Oberhavels. Die Fraktionschefin der Linken im Kreistag, Elke Bär aus Glienicke, erklärt im Unterausschuss: "Als Radweg ist die L 214 gerade noch zu gebrauchen, aber nicht mehr als Straße." Glienickes FDP-Bürgermeister Hans G. Oberlack äußert ebenfalls Sympathien für den Vorstoß. Sylvia Grande, Geschäftsführerin der Volkssolidarität in Oberhavel, fürchtet um die Autos der Pflegedienste. Der Unterausschuss will sich nun um einen Prüfauftrag an die Kreisverwaltung bemühen.

Das Landratsamt kennt den Ministerinnen-Vorschlag nach Auskunft von Sprecher Ronny Wappler noch gar nicht, dafür aber Offerten aus der Vergangenheit. Schon seit fünf Jahren versuche das Land, Straßen loszuwerden, allerdings nicht ordentlich ausgebaut, wie es das Gesetz vorsehe, sondern in marodem Zustand. "Vorstöße in diese Richtung lehnen wir ab", macht Wappler auf Nachfrage deutlich. Die Kreisverwaltung sei nicht bereit, für das Land finanziell in die Bresche zu springen.

Als schwierig bezeichnet Bechert im Demografie-Ausschuss auch die Situation des Nahverkehrs. Das Granseer Strittmatter-Gymnasium verdanke seine Existenz inzwischen auch Schülern aus Lindow und Rheinsberg. Einen Linienverkehr in den Nachbarkreis Ostprignitz-Ruppin gebe es aber nicht mehr. Die Busanbindungen würden auch nicht der steigenden Bedeutung der Bahnhöfe in Gransee und Fürstenberg für Pendler aus Rheinsberg, Lindow und Lychen Rechnung tragen, so der Regio-Nord-Chef. Auch dieses Problems will sich der Demografie-Auschuss nun annehmen. Glienickes Bürgermeister Oberlack hat schon eine mögliche Lösung formuliert: "Wir geben den Kommunen im Norden einfach das Geld für ihren Nahverkehr. Dann können sie ihn nach Bedarf selbst bestellen", so der FDP-Politiker. Es sei nicht nachvollziehbar, warum der Kreis das zentral regeln müsse. Die einzelnen Regionen würden ihre Bedürfnisse besser kennen.

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Märkischen Oderzeitung.

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