Presse 2012

„Herr Wichmann von der CDU“ wurde von Regisseur Andreas Dresen erneut mit der Kamera begleitet

31.08.2012 | Potsdam

Der Hinterbänkler Wichmann ist Lokalpolitiker durch und durch. Und so verbringt er die meiste Zeit in seinem Wahlkreis Uckermark/Oberhavel, wo er drei Bürgerbüros betreibt. „Sonst hört sich ja keiner die Probleme der Leute an. Und wenn ich nur in Potsdam auf dem Berg sitze, kriege ich ja nichts mit“, sagt er im überzeugten Ton in die Kamera. Und genau dabei, bei der Arbeit an der Basis, hat ihn der Potsdamer Regisseur Andreas Dresen ein Jahr lang begleitet und die Ereignisse unkommentiert zusammengeschnitten. Die Dokumentation „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ ist ein ganz großartiger Film über die Mühen der Ebene und über das, was Politik und Demokratie in der Praxis bedeuten. Und am Ende versteht man, wie schwer Demokratie überhaupt ist.

Den ganz alltäglichen Wahnsinn der Politik nennt Dresen das und schüttelt noch heute den Kopf über manche Situationen, die er mit Wichmann erlebt hat. „Ich hatte mir Politik ein bisschen konzeptueller vorgestellt, mit größeren Bögen. Dass es so kleinteilig, mühsam und detailliert zugeht, hatte ich nicht erwartet“, so der Regisseur.

Da ist zum Beispiel die absurde Sache mit den Zugtüren, die sich im Bahnhof Vogelsang nicht öffnen. Die Schulkinder können deshalb dort nicht umsteigen. Mit liebeswürdiger Hartnäckigkeit kämpft Wichmann auf allen Kanälen für die Türöffnung – er triumphiert am Ende und freut sich wie ein kleiner Junge. Unverdrossen und hyperaktiv geht er die Probleme an, auch wenn sie sich schon seit Jahren nicht lösen lassen.

Einmal sieht man ihn mit Naturschützern und Tourismusmanagern an einem idyllischen See. Es geht um die Bartmeise, die in Deutschland nicht gerade zu den gefährdeten Vogelarten gehört. Aber die Frage, ob das langsame Durchqueren der fünf Kilometer langen Fahrrinne im Schilfgebiet zwischen Oberem und Unterem Uckersee durch Segelboote der Bartmeise zugemutet werden kann, ist seit 15 Jahren ein ungelöstes Problem in Wichmanns Wahlkreis.

Anhand solcher Kleinigkeiten erfährt man doch sehr viel über den Zustand des Landes und des Landstrichs, wo es kaum Industrie gibt und der Naturschutz viele Probleme dominiert. Das hat Andreas Dresen auch erstaunt. „Die holzverarbeitende Industrie lässt mittlerweile ihre Baumstämme aus Baden-Württemberg oder Bayern rankarren, weil sie im eigenen Umfeld nicht abschlagen darf,“ erzählt Dresen.

Der Zuschauer geht in diesem Film auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, zwischen komischer Tragik und Absurdität ist es nur ein schmaler Grat. Und manche Passagen machen auch fassungslos, wenn man erkennt, wie wenig Engagement und Gestaltungswillen bei den Bürgern, mit denen Wichmann spricht, vorhanden ist. „Ja, ich hab Henryk auch immer gefragt: Wie hältst du das aus?“, erzählt Dresen. Aber dieser Mann hat eben eine Engelsgeduld und ist frei von Zynismus und Sarkasmus.

Tatsächlich entspricht Henryk Wichmann überhaupt nicht dem Klischee eines Politikers. Der 35-Jährige ist ein Held der Basis, er geht unermüdlich dahin, wo es wehtut. Vermutlich wird er das in Jahrzehnten noch machen. Dresen wird weiter Kontakt halten. Und gibt es dann noch einen Film? „Wer weiß? Vielleicht wird er ja Bundespräsident. Herr Wichmann aus Bellevue“, lacht Dresen.

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Märkischen Allgemeinen.

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