Presse 2012

Treckerklau entlang der Oder

07.12.12 | Angermünde

Schon zweimal hat Christian Quilitz gestohlene Traktoren an seinem Haus vorbeifahren hören. Der Angestellte der Agrargenossenschaft Lüdersdorf wohnt in Lunow und hat einen leichten Schlaf. Beim jüngsten Fall erkannte er seine eigene Maschine, die zu Nachtzeit Richtung Polen fuhr. Quilitz eilte mit seinem Privatwagen hinterher, überholte die Diebe, die gleich auch noch den zweiten Traktor des Betriebes gestohlen hatten, und versuchte, die Polizei zu rufen. Vergebens. Die Wache der Wasserschutzpolizei in Hohensaaten war nicht besetzt. Erst einige Minuten später hatte er Handyempfang. Obwohl der umsichtige Mann schnell reagierte, sind die 250 000 Euro teuren Traktoren bis heute verschwunden. Offenbar gelang es weder der deutschen noch der polnischen Polizei, die Tempo 40 fahrenden Landmaschinen beiderseits der Oder zu stoppen.

"In anderthalb Jahren sind über diese Brücke sieben Traktoren im Wert von einer Million Euro verschwunden", so Jörg Lehmen, Chef der Agrargenossenschaft Lüdersdorf. "Das ist eine riesengroße Sauerei." Und ein wirtschaftlicher Schaden für den Betrieb. Geplante Investitionen fallen aus, weil man jetzt neue Maschinen beschaffen muss.

So wie die Genossenschaft sind mittlerweile viele Agrarbetriebe, Baufirmen, Autohäuser oder sonstige Unternehmen von der Grenzkriminalität betroffen. "Jedes Jahr zahle ich 104000 Euro nur für Sicherheitsmaßnahmen und für die Raten neu zu beschaffender Lkw", schimpft Reiner Häusler, Inhaber der Angermünder Straßen- und Tiefbau GmbH. "Ich musste dafür sogar mein eigenes Haus als Sicherheit für Bank angeben." Er hatte in nächtlicher Aktion den Diebesweg seines gestohlenen Lasters bis zur polnischen Grenze auf dem Laptop verfolgen können. Doch die installierte Sicherheitseinrichtung war vergebens. Zwischen Angermünde und Gartz konnte die alarmierte Polizei die Täter auf der gesamten Strecke offenbar nicht aufhalten. Versprochene Kredithilfe für notleidende Firmen habe er nicht bekommen, so Häusler.

"Wir überlegen uns, ob wir unseren steuerlichen Verpflichtungen weiter nachkommen werden, wenn das Land seinerseits unsere Sicherheit nicht garantiert", so Udo Schellner, Chef eines Holzrückebetriebes in Angermünde. Er ist Mitinitiator einer Petition an den Landtag, die vor genau einem Jahr Millionenschäden geprellter Firmen in den Landkreisen Uckermark und Barnim auflistete. Als Reaktion darauf wurden Hundertschaften der Brandenburger Bereitschaftspolizei im Grenzraum zur Verfügung gestellt. Bis heute. "Es hat sich aber nicht wirklich was verändert", so der CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann. "Und wenn es nach Rot-Rot gegangen wäre, hätte man die Petition mit einem banalen Antwortschreiben einfach beerdigt."

 

Jetzt will seine Fraktion weiter Druck im Landtag machen. Im Januar soll ein Antrag zum Stopp des Stellenabbaus bei der Polizei folgen. "Die Strukturreform ist total misslungen", sagt Björn Lakenmacher, innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. "Es gibt kein Konzept zur Bekämpfung der Grenzkriminalität." Die Reform schlage sich in der Motivation der Beamten nieder. Lakenmacher zitierte den Spruch von einer "inneren Kündigung".

Der uckermärkische CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Koeppen spricht sogar von einem "Versagen der inneren Sicherheit in Brandenburg". Bei einem Gespräch mit diebstahlsbetroffenen Unternehmern aus den Landkreisen Uckermark und Barnim versprach er nachzuforschen, warum zum Beispiel die Wache der Hohensaatener Wasserschutzpolizei zum fraglichen Zeitpunkt nicht besetzt war, warum keine deutschen Beamten den beiden Traktoren über die Grenze folgten und warum die polnische Polizei ebenfalls nichts gefunden hat.

Die Unternehmer haben jetzt eine neue Idee: Neben ihrer Forderung nach mehr Polizeipräsenz im Grenzraum verlangen sie die Einrichtung von Brückenposten an der Oder in den Mitternachts- und Morgenstunden. Den Einsatz künstlicher DNA zur Sicherung der Maschinen empfinden sie als sinnlos, solange kein Polizeiauto die Verfolgung aufnimmt.

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Märkischen Oderzeitung.

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